Tourismus trifft wasserkraft

Von den Staumauern zu den Kraftwerken: Energie, Landschaft, Tourismus.

 

Mit 25 kleineren und 27 großen Staudämmen trägt das Veltlin rund 12 % zur nationalen Stromproduktion aus Wasserkraft und 50 % zur lombardischen bei. Es handelt sich hierbei um monumentale Ingenieurbauwerke, deren Errichtung bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann. Als Ziele zahlreicher Wander- und Radrouten sind die Dämme und die zugehörigen Staubecken bzw. Stauseen wahre Attraktionen: Eine Umrundung der Speicherseen – zu Fuß oder mit dem Fahrrad – oder ein Spaziergang über die Dammkronen garantiert unvergessliche Eindrücke, wenn sich der Blick schwindelerregend in die Tiefe des Tals öffnet.

Die staumauern im Veltlin… ganz im zeichen der musik

In der Gemeinde Valdidentro, nicht weit von den beiden historischen Türmen “Torri di Fraele” im Alta Valtellina, bilden die Seen von Cancano zwei Staubecken, die durch zwei Dämme entstanden sind.
Der Bau des Damms des San-Giacomo-Speichersees begann 1940 und endete 1950; er ist 91 m hoch und seine Dammkrone misst 965 m. Der Staudamm Cancano II hingegen, zwischen 1953 und 1956 als Ersatz für Cancano I errichtet, erreicht eine maximale Höhe von 136 m bei einer Kronenlänge von 381 m. Die Rundtour um die Seen von Cancano ist etwa 20 km lang und kann zu Fuß oder – besser – mit dem Fahrrad absolviert werden; sie bietet herrliche Ausblicke auf die Seen, die großen Staumauern und die sie umgebenden Berge. Die Dämme sind mit dem Auto erreichbar und – für Sportliche – auch mit dem Fahrrad.

Im Valmalenco ließ sich auch Raf, der bekannte italienische Singer-Songwriter, vom Standort der Staumauer Alpe Gera inspirieren und wählte ihn 2007 als Drehort für das Musikvideo zu seinem Lied „Salta più in Alto“. Das benachbarte Becken Campomoro hingegen war 2009 und 2011 Schauplatz des Weltcups im Klippenspringen aus großen Höhen. Diese eindrucksvollen, vom Menschen geschaffenen Kulissen entstanden zwischen 1958 und 1965; die künstlichen Speicher von Alpe Gera und Campomoro sammeln unter anderem das Wasser des Fellaria-Gletscher sowie des Scerscen-Gletschers. Die Staumauer Campomoro liegt auf etwa 1.996 m ü. M., die weiter oben gelegene Alpe Gera sogar auf 2.051 m – und ist damit die höchste in Betrieb befindliche Staumauer Italiens. Die Kronen beider Dämme sind zu Fuß begehbar und bieten aufgrund ihrer Höhe und des Panoramas unvergessliche Eindrücke. Auch hier ist eine Rundwanderung möglich, über die Alpe Gembrè (2.224 m) oder mit einer Abzweigung zum Rifugio Bignami. Von Juni bis Oktober kann in beiden Becken Sportfischerei betrieben werden (dafür erforderlich ist die Fischereilizenz der Provinz Sondrio).

Die Staumauern Cardinello und Montespluga im Valchiavenna wurden 1931 als Sperren des Wildbachs Liro auf 1.901 m Höhe errichtet und bilden den Montespluga-Stausee. Es gibt mehrere Rundwanderungen um die Speicherseen, z. B. über das Rifugio Bertacchi (Rundweg 12 km) oder den Lago Nero (6,6 km). Die Landschaft ist abwechslungsreich: schroff und felsig bei der Cardinello-Schlucht, sanfter in Richtung See und Dorf. Der Montespluga-Stausee war bereits Kulisse einer Szene des Films „Sposerò Simon Le Bon“ (1985) und des Musikvideos „Inuyasha“ (2021) des italienischen Sängers Mahmood.  

Die Kraftwerkszentralen

Parallel zum Bau der Dämme entstanden im Veltlin bereits Ende des 19. Jahrhunderts Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung: Das erste, Campovico im Raum Morbegno, nahm 1900 den Betrieb auf, um die Eisenbahnlinien im Tal mit Energie zu versorgen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vervielfachten sich die Anlagen auf die heutigen 86 in kleiner, mittlerer oder großer Dimension, darunter das Kraftwerk Mese (Baujahr 1927), „damals das leistungsstärkste in ganz Europa“.

Es waren die Jahre der Belle Époque, deren architektonische Stile sich auch in den Kraftwerksbauten widerspiegeln: teils mit reichen Fassadendekoren, teils mit Farben und Formen, die unverkennbar an den Jugendstil jener Jahre erinnern. Der Bau der Kraftwerkszentrale Fraele (Rasin) in Valdidentro begann 1922; 1928 ging sie in Betrieb. Heute ist sie ein bedeutendes Beispiel der Industriearchäologie im Oberen Veltlin und gilt insgesamt als neorenaissancehafte Architektur mit zeittypischen Merkmalen: Die Fenster an den Nebenfassaden erinnern an den nordischen Jugendstil, die großen Rundbogenfenster besitzen Verglasungen im reinen Art-Déco-Stil. Die Anlage wurde 2004 endgültig stillgelegt und ist im Sommer an festgelegten Tagen für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Führungen sind Teil des internationalen Projekts „Water Routes Po Valley ERIH“ und bieten ein immersives Erlebnis, das Geschichte, Technologie und Landschaft verbindet.

Auch die Zentrale „Alfredo Pizzoli“ in Lanzada, die noch in Betrieb ist, kann nach Reservierung besichtigt werden: Enel lädt dazu ein, die Anlage aus nächster Nähe zu entdecken – wahlweise bei einem geführten Rundgang oder einem interaktiven Besuch. Verbindliche Reservierung unter 0342 451150 oder per E-Mail an info@sondrioevalmalenco.it.   Schließlich bietet A2A Führungen im Kraftwerk Grosio an: Am Fuß zweier Burgruinen am „Dosso dei Castelli“ gelegen, wurde der ältere Bereich (1917) vom bekannten Architekten Pietro Portaluppi entworfen – mit besonderem Augenmerk auf die Einbettung in das stimmungsvolle Umfeld der Burgruinen. Der Maschinenraum der Anlage befindet sich in einer großen Kaverne im Berginneren und ist über einen 600 m langen Tunnel erreichbar.

Führungen werden zudem im Wasserkraftwerk Prata (Mera II) im Valchiavenna organisiert. 

La diga di Alpe Gera, in Valmalenco
Centrale idroelettrica di Fraele, in Valdidentro